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3.4 Diffuser Haarausfall

Inhalt

3.4.1 Diffuser Haarausfall durch Medikamente

3.4.2 Diffuser Haarausfall durch Hormonschwankungen

3.4.3 Diffuser Haarausfall durch Schilddrüsenerkrankungen

3.4.4 Diffuser Haarausfall durch hohes Fieber

3.4.5 Diffuser Haarausfall durch Nährstoffmangel

Quellenangaben

Beim diffusen Haarverlust (diffuse Alopezie) fehlt das typische Verteilungsmuster der männlichen oder weiblichen androgenetischen Alopezie: Das Haar erscheint am gesamten Kopf gleichermaßen ausgedünnt.

Während Sie mit der Diagnose androgenetische Alopezie tatsächlich eine vollständige Erklärung Ihres Problems inklusive Ursache haben (wenn auch keine Aussicht auf Heilung), ist die Diagnose diffuse Alopezie zunächst einmal nur eine Beschreibung dessen, was auf Ihrem Kopf vorgeht.

Bei der Ursachensuche stellt die diffuse Alopezie Ärzte und Patienten nicht selten vor detektivische Herausforderungen. Dafür stehen aber die Chancen, den Haarausfall zu stoppen und die Haarverluste sogar rückgängig zu machen, sobald die Ursache erkannt ist, recht günstig. In vielen Fällen verschwindet eine diffuse Alopezie aber auch einfach spontan wieder – nämlich immer dann, wenn die sie verursachenden Faktoren nur kurzfristig wirksam waren.

Die Ursachen eines diffusen Haarausfalls können ganz unterschiedlich sein. Die häufigsten Gründe dürften Stress, Hormonschwankungen, hohes Fieber, Medikamentennebenwirkungen und Schilddrüsenerkrankungen sein. Nährstoffmangel kann in seltenen Fällen ebenfalls eine Rolle spielen.[1] Im folgenden erfahren Sie Näheres zum Ursachenspektrum der diffusen Alopezie.

3.4.1 Diffuser Haarausfall durch Medikamente

Dass die Chemotherapie von Tumorerkrankungen (ebenso wie die Bestrahlung) umfassenden und sehr kurzfristig auftretenden Haarausfall (Anageneffluvium) verursacht, ist wohlbekannt.[2] Aber Störungen des Haarwachstums gehören auch zu den bekannten Nebenwirkungen zahlreicher anderer Medikamente. Wenn Sie sich mit dem Verdacht auf Haarverlust bei einem Dermatologen vorstellen, wird im Anamnesegespräch daher auch die Frage nach den Medikamenten, die Sie regelmäßig einnehmen oder in den letzten Monaten eingenommen haben, gestellt werden.

Störungen des Haarwuchses können unter anderem durch blutdrucksenkende Medikamente (Beta-Blocker und ACE-Hemmer), Blutfettsenker, durch Antikoagulantien (Blutverdünner), Zytostatika wie Methotrexat, die auch als niedrig dosierte Basistherapie zur dauerhaften Behandlung rheumatischer und andere Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden, Antiepileptika, verschiedene Antibiotika und Psychopharmaka[3] sowie durch die sogenannten Biologika (biotechnologisch hergestellte Biomoleküle, die als Boten- und Signalstoffe in Zellen und Geweben wirken und in der Tumortherapie und bei Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden) ausgelöst werden. Ja sogar für so weit verbreitete Medikamente wie einige der nichtsteroidalen Schmerzmittel und Entzündungshemmer (Ibuprofen, Ketoprofen etc.) gibt es Berichte über Haarverluste.[4] Einige Zusammenhänge erscheinen auf den ersten Blick geradezu abwegig, sind aber gut belegt: So können beispielsweise augendrucksenkende Augentropfen mit dem Wirkstoff Timolol, die bei Glaukom verordnet werden, sehr dramatische Fälle von diffuser Alopezie der Kopfhaut verursachen.[5]

Nur bei wenigen Wirkstoffklassen ist der konkrete Wirkmechanismus, nach dem sie Haarausfall verursachen, bekannt oder wird vermutet – so sollen Antikoagulantien die Blutversorgung der Haarpapille verschlechtern und ACE-Hemmer Zinkmangel verursachen. Bei den meisten Wirkstoffen ist unklar, wie sie das Haarwachstum beeinflussen – der Zusammenhang gilt einfach als bewiesen, wenn ein Absetzen des Medikaments zu einer Besserung führt.

Hier noch einmal in Listenform: die Medikamente, zu deren bekannten Nebenwirkungen Haarausfall gehört. Für die meisten dieser Medikamente ist Haarausfall allerdings eine selten oder sehr selten beobachtete Begleiterscheinung. Bitte außerdem beachten: Bei solchen Medikamentenwirkungen auf das Haar handelt es sich gewöhnlich um das sogenannte Telogeneffluvium. Sie zeigen sich daher nicht direkt nach der Einnahme, sondern um zwei bis vier Monate zeitverzögert.

  • Blutdrucksenker
  • Blutverdünner
  • Blutfettsenker
  • Zytostatika
  • Retinoide (Azitretin, Etretinat)
  • einige Antibiotika
  • Psychopharmaka (u.a. Antidepressiva)
  • Epilepsiemedikamente
  • Hormonhaltige Medikamente (Antibabypille – besonders bei hohem Gestagenanteil, Hormonersatztherapie, Schilddrüsenmedikamente bei nicht-optimaler Einstellung)
  • Biologika
  • Glaukomaugentropfen
  • Entzündungshemmende Schmerzmittel

Diagnose

Kompliziert wird die Diagnose eines medikamentenbedingten Haarausfalls dadurch, dass solche Probleme keineswegs bei allen Anwendern der betreffenden Medikamente auftreten, sondern meist nur seltene Nebenwirkungen sind, dass sich durch Kombination verschiedener Arzneimittel verstärkende Wirkungen ergeben können – und dass die Wirkung auf den Haarwuchs sich in der Regel erheblich zeitverzögert zeigt. Tritt der Haarausfall drei bis vier Monate nach dem Beginn der Medikamenteneinnahme auf, ja, wurde das Medikament nur kurzfristig eingenommen und mittlerweile längst wieder abgesetzt, ist die korrekte Diagnose nicht leicht (und oft auch ein Stück weit Vermutung).

Typische Schäden, besonders im Wurzelbereich des Haars, weisen auf toxische Prozesse hin. Zu erwähnen ist hier ein erhöhter Anteil an sogenannten dystrophen (=wachstumsgestörten) Haaren: Erfahrene Dermatologen können diese geschädigten Haare im Trichogramm anhand einer bleistiftartigen Verschmälerung im Wurzelbereich gut von normalen Anagen- und Telogenhaaren unterscheiden.

Prognose

Die gute Nachricht: Haarverluste durch Medikamente sind so gut wie nie permanent. Ausnahmen bilden hochwirksame Zytostatika, die für die aggressive Chemotherapie bestimmter Tumore und zur Unterdrückung des Immunsystems nach Knochenmarktransplantationen eingesetzt werden – solche Substanzen können die Haarfollikel bleibend schädigen. In allen anderen Fällen benötigen Sie nach dem Absetzen der Medikamente lediglich ein bisschen Geduld: Aufgrund der Länge des Follikelzyklus dauert es in der Regel etwa ein halbes Jahr, bis das Haar wieder sichtbar dichter wird.

Wenn Sie die Arzneimittel, die im Verdacht stehen, Ihr Haar zu schädigen, allerdings permanent einnehmen müssen, hilft Ihnen dieses Wissen leider wenig. Eventuell ist dann ein Umstieg auf einen anderen Wirkstoff möglich. Auch eine genaue Durchmusterung der Medikamente, die Sie einnehmen, kann sich empfehlen: Wo ist eine Dosisreduzierung denkbar, welche wären eventuell sogar verzichtbar? Viele Medikamente werden lediglich gegen Nebenwirkungen anderer Medikamente verordnet. Wenn Sie dadurch nun wiederum an neuen Nebenwirkungen leiden, kann eine Neubewertung Ihres gesamten Medikationsplans angeraten sein.

3.4.2 Diffuser Haarausfall durch Hormonschwankungen

Hormone beeinflussen das Haarwachstum – und entsprechend können auch die normalen Schwankungen verschiedener Hormonspiegel zu Störungen des Haarfollikelzyklus führen. Bei Frauen durchlaufen die Hormone im Monatsrhythmus ebenso wie in den verschiedenen Lebensphasen relativ komplizierte Veränderungen, daher sind besonders Frauen von solchen Haarproblemen betroffen.

Hormonbedingter Haarausfall kann auftreten:

  • in der Pubertät
  • nach einer Entbindung
  • in der Stillzeit
  • nach dem Beginn der regelmäßigen Einnahme von Verhütungsmitteln, nach dem Wechsel auf ein anderes Präparat oder nach dem Absetzen der Pille
  • bei Verwendung einer Hormonspirale
  • in und nach den Wechseljahren

 

Prognose

Es gibt Lebensphasen, in denen die Haare einer Frau besonders dicht und schön wachsen (insbesondere in der Schwangerschaft ist das oft der Fall), und andere Phasen, in denen das Haar etwas weniger dicht ist. In den Übergangsphasen (also etwa nach der Entbindung – postpartaler Haarausfall), kann es zeitweise zu erhöhtem Haarausfall kommen, während sich das neue Gleichgewicht einstellt. Solange diese Übergangsphasen zeitlich begrenzt sind und die Haardichte nach wie vor im Bereich des Normalen liegt, sind solche Erscheinungen kein Grund zur Besorgnis. Ein Dermatologe wird hier keinen Anlass zur Behandlung sehen, sondern zum Abwarten raten. Eventuell wird er Ihnen unterstützend Tees, eventuell auch Nahrungsergänzungsmittel mit pflanzlichen Estrogenen (Phytohormone, z.B. Rotklee) empfehlen.

(Übrigens gibt es einen recht sorgfältig recherchierten kritischen Fachartikel, der die Existenz des postpartalen Effluviums schlankweg anzweifelt: Die Autoren legen dar, dass die Daten der oft zitierten Studien, anhand derer das in jedem Lehrbuch erwähnte Phänomen tatsächlich belegt wurde, eigentlich nicht sehr eindrucksvoll sind.[6])

Deutliche Haarverluste im Zusammenhang mit den permanenten Veränderungen in den Wechseljahren sind allerdings häufig bleibend: Infolge des gesunkenen Estrogenspiegels kommt es bei vielen Frauen zu einer merklichen Ausdünnung des Haars.

30 bis 50 Prozent der postmenopausalen Frauen entwickeln zudem eine androgenetische Alopezie weiblichen Typs. Diese Frauen haben daher oft eine durch den niedrigen Estrogenspiegel bedingte diffuse Ausdünnung des Haars am gesamten Kopf und zusätzlich das typische Muster, der durch Androgene bedingten weiblichen Alopezie, also eine auf Scheitel und Haaransatz konzentrierte weitere Ausdünnung.

Behandlung

Die estrogenmangel-bedingte Ausdünnung des Haars in den Wechseljahren spricht meist auf eine Hormonersatztherapie mit an (aber Achtung: die Behandlung der typischen Wechseljahresbeschwerden mit synthetischen Estrogenen bzw. Kombinationspräparaten mit Estrogenen und Gestagenen steht seit einigen Jahren in der Kritik, unter anderem, weil sie das Risiko verschiedener Krebsarten deutlich erhöht). Eine Alternative zur Hormonersatztherapie sind Phytohormone, hormonartige Substanzen aus pflanzlichen Quellen.

Möglicherweise können Phytohormone auch bei Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter Beschwerden wie Haarausfall regulieren, die aus Schwankungen des Hormonhaushalts resultieren. Die wissenschaftliche Evidenz dafür ist allerdings noch sehr lückenhaft. Versuche mit Tees bzw. einer bewussten Zufuhr phytoestrogenhaltiger Nahrungsmittel können jedoch ebenso bejaht werden wie die häufig empfohlene Supplementierung mit Zink oder Biotin (für die es ebenfalls keine eindeutige Evidenz gibt). Problematische Nebenwirkungen sind nicht zu erwarten.

Bei ausgeprägter hormonbedingter Ausdünnung des Haars ist Minoxidil eine recht erfolgversprechende Behandlungsmöglichkeit.

3.4.3 Diffuser Haarausfall durch Schilddrüsenerkrankungen

Über- wie Unterfunktion der Schilddrüse beeinflussen den Hormonhaushalt des Körpers und lösen nicht selten diffusen Haarausfall aus. Ist die Erkrankung der Schilddrüse diagnostiziert und die Behandlung eingeleitet, normalisiert sich nach einiger Zeit auch der Haarwuchs wieder. Allerdings ist hier etwas mehr Geduld gefragt: Aufgrund der Länge der Follikelphasen reagieren die Haare leider deutlich zeitverzögerter auf die Therapie als andere Körpergewebe.

Oft sind Schilddrüsenerkrankungen im Ursprung Autoimmunerkrankungen (Hashimoto: durch Autoimmunprozesse verursachte Schilddrüsenunterfunktion, Morbus Basedow: durch Autoimmunprozesse verursachte Schilddrüsenüberfunktion). Das Immunsystem des Körpers richtet seine Aggression gegen körpereigene Gewebe, in diesem Fall die Schilddrüse. Bei einer bestehenden Neigung zu Autoimmunerkrankungen können auch andere Gewebe betroffen sein. Menschen mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse haben ein etwas höheres Risiko, zusätzlich einen durch Autoimmunprozesse verursachten kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata) zu entwickeln. Das sind dann sozusagen zwei unterschiedliche Baustellen: Während die Behandlung der Schilddrüse den diffusen Haarausfall normalisiert, spricht die Alopecia areata nicht darauf an.

Diagnose

Haar, das infolge von Schilddrüsenerkrankungen dünner wird, zeigt im Trichogramm einen erhöhten Anteil von Haaren in der Telogenphase, aber in der Regel keine dystrophen Haare mit Schädigungen im Wurzelbereich. Dieses diagnostische Bild tritt nun auch bei vielen anderen Formen von Haarausfall auf, hat also für die Schilddrüsenerkrankung selbst keinen diagnostischen Wert. Das Trichogramm kann aber hilfreich sein, wenn es darum geht, andere Ursachen für den Haarausfall (insbesondere Medikamentennebenwirkungen) auszuschließen: in diesen Fällen ist ein erhöhter Anteil dystropher Haare zu erwarten.

Manche sonst noch weitgehend symptomfreie Schilddrüsenerkrankung wurde schon diagnostiziert, weil sich die Betroffenen um dünner werdendes Haar sorgten. Meist geht eine Schilddrüsenfehlfunktion aber mit einer Vielzahl von Symptomen einher, von denen viele drängender und beunruhigender sind als brüchiges und/oder ausgedünntes Haar. Mit der Diagnose der Schilddrüsenerkrankung anhand einer Blutuntersuchung ist im Regelfall auch die Antwort darauf gefunden, warum es dem Haar nicht gut geht.

Aufgrund der Zeitverzögerung, mit der das Haar auf Veränderungen des Gesundheitszustandes reagiert, kann es allerdings vorkommen, dass der Höhepunkt der haarbezogenen Symptome der Schilddrüsenerkrankung in die Zeit fällt, in der bereits die Behandlung eingeleitet wurde. Betroffene haben dann manchmal den Verdacht, die Schilddrüsenmedikamente (sehr oft wird eine evtl. durchgeführte Radiojodbehandlung bei Schilddrüsenüberfunktion verdächtigt) könnten den Haarausfall verursachen. Ärzte halten das für unwahrscheinlich; in jedem Fall wäre ein solcher Haarausfall aber temporär.

Prognose

Die Aussichten, wieder volles Haar zu bekommen, sind bei einer medikamentös gut eingestellten Schilddrüsenfehlfunktion sehr gut. Schwankungen im Verlauf der Erkrankung und/oder Wechsel im Behandlungsregime können allerdings erneute Episoden von verstärktem Haarausfall nach sich ziehen.

Wer an einer Schilddrüsenfehlfunktion leidet und Probleme mit den Haaren hat, sollte in jedem Fall auch die allgemeine Nährstoffsituation seines Körpers im Auge haben: Oft kommt es bei Schilddrüsenunterfunktion nämlich sekundär auch zu Nährstoffmängeln aufgrund verschlechterter Nährstoffaufnahme.

3.4.4 Diffuser Haarausfall durch hohes Fieber

Auch hohes Fieber gehört zu den Auslösern von zeitweisem diffusem Haarausfall – Studien vermuten diese Ursache in 12 bis 33 % der untersuchten Fälle.[7][8] Für die Häufigkeit fieberbedingten Effluviums spielten allerdings Heimatland und soziale Schicht der Studienteilnehmer eine große Rolle: Länder, in denen Infektionskrankheiten wie Dengue-Fieber, Typhus, Malaria oder Tuberkulose in bestimmten Bevölkerungsgruppen vergleichsweise häufig auftreten, kommen hier natürlich auf höhere Werte als Länder und Schichten, in denen es außer der Grippe kaum noch verbreitete stark fiebrige Infekte gibt.

Die Ursache des Fiebers scheint für den Haarausfall weitgehend unwichtig zu sein, ausschlaggebend sind lediglich die Höhe der Temperatur und die Dauer der Fieberepisode. Der Haarausfall beginnt typischerweise zwei bis drei Monate nach der fiebrigen Erkrankung und zieht sich über mehrere Wochen hin. Es handelt sich um telogenes Effluvium: Ausgelöst durch das Fieber, sind viele Haarfollikel synchronisiert aus der anagenen (Wachstums-)Phase in die telogene Phase eingetreten und fallen nun nach und nach aus. Betroffene bemerken einen auffällig verstärkten Haarausfall beim Kämmen, Waschen oder des Nachts.

Diagnose

Haarausfall durch Fieber zeigt die typischen Symptome von telogenem Effluvium.

Im Trichogramm sind keine Schäden an den Haarwurzeln erkennbar, aber ein abnorm hoher Anteil von Telogenhaaren (25 % oder mehr gilt als Richtwert). Der Haarzupftest ist ebenfalls sehr auffällig.

Dass der Haarausfall tatsächlich das Ergebnis der vergangenen Fieberepisode ist, lässt sich anhand dieser allgemeinen Symptome allerdings nicht mit Sicherheit sagen. Stellt sich in der Anamnese heraus, dass Sie keine Medikamente nehmen, zu deren Nebenwirkungen Haarausfall gehört, und zeigt ein Bluttest keine auffälligen Schilddrüsenwerte oder Nährstoffdefizite, bleibt die fiebrige Grippe, die sie vor einigen Wochen hatten, als wahrscheinliche Ursache übrig.

Prognose

Da die Haarfollikel nicht geschädigt sind, wächst das Haar mit der Zeit wieder nach. Allerdings wird die Geduld der Betroffenen auf eine harte Probe gestellt: Durch den gleichzeitigen Haarausfall und entsprechend synchronisierten neuen Zyklusbeginn vieler Follikel spiegelt sich das langsame Wachstum individueller Haare (nur ca. 1,25 cm pro Monat) auch ganz deutlich in der schleppenden Erholung der Haarfülle. Je nachdem, wie lang Sie Ihr Haar tragen, kann es ein Jahr oder länger dauern, bis der Haarverlust kosmetisch akzeptabel ersetzt ist. Umstieg auf einen kürzeren Haarschnitt verkürzt die Wartezeit.

Behandlung

Eine Behandlung ist eigentlich nicht nötig. Aber wer möchte in dieser Situation nicht gern etwas für sein Haar tun? Bei niedrigem Eisenspiegel wird der Dermatologe vermutlich eine Supplementierung mit Eisen empfehlen; weitere Supplemente kommen in Frage. Dass diese Bemühungen Ihren Haarwuchs signifikant beschleunigen, kann Ihnen allerdings niemand garantieren.

3.4.5 Diffuser Haarausfall durch Nährstoffmangel

Diffuse Haarverluste, aber auch Alopecia areata und androgenetische Alopezie werden nicht selten mit Nährstoffmangel in Zusammenhang gebracht. Großes Aber: Ausgeprägter Nährstoffmangel ist in den westlichen Ländern viel seltener, als die mediale Berichterstattung vermuten lässt. Und ob leichte Nährstoffmängel – wie der unter Frauen weit verbreitete Eisenmangel, der zeitweise Vitamin-D-Mangel in der lichtarmen Jahreszeit oder der leichte Proteinmangel bei manchen Veganern – tatsächlich so problematisch sind, wie oft in den Medien dargestellt, ist in Wahrheit ganz unklar.[9]

Unser Wissen über die für das Haarwachstum besonders bedeutsamen Nährstoffe stammt aus Beobachtungen bei schweren Mangelzuständen, wie sie nur bei langfristiger deutlicher Mangelernährung aufgrund von Armut und/oder extremer Unwissenheit, bei Essstörungen, bei schweren körperlichen Erkrankungen, angeborenen genetischen Defekten oder bei künstlicher Ernährung (intravenös oder mit einer Sonde) auftreten können. Für den typischen Mitteleuropäer sind diese Situationen überhaupt nicht relevant. Dass ein gravierender Mangel an Selen, Kupfer, Eisen oder essentiellen Aminosäuren zu Störungen des Haarwachstums führt, bedeutet nicht automatisch, dass eine Supplementierung mit diesen Nährstoffen bei nicht vorhandenem Mangel notwendig etwas Gutes bewirken muss.

Rigorose Beweise dafür, dass ein geringfügiger Mangel bzw. ein grenzwertiger, noch akzeptabler Status eines bestimmten Nährstoffs ursächlich für den auftretenden Haarausfall sind, sind zudem gar nicht so einfach zu erbringen. Selbst wenn Haarausfall und beispielsweise leichter Eisenmangel zusammenkommen, ist das noch kein Beweis für eine ursächliche Beziehung – Eisenmangel (im Sinne eines Unterschreitens der aktuell als optimal definierten Konzentrationen im Blut) ist häufig, und nicht jeder, der davon betroffen ist, leidet unter Haarausfall (oder überhaupt unter irgendwelchen Symptomen).

Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln werben mit den zahlreichen positiven Effekten – auch auf den Haarwuchs – die ihre Präparate haben können. (Oder könnten...) Anders als Hersteller von Medikamenten, müssen sie jedoch für ihre Versprechen keinerlei Beweise erbringen. Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel ist in diesem Sinne nicht staatlich reglementiert. In gewisser Weise ist das auch ein Stück schätzenswerte Freiheit: Wenn Sie meinen, ein bestimmtes Vitamin oder Mineral würde Ihnen guttun, können Sie sich einfach ein entsprechendes Nahrungsergänzungsmittel kaufen – ganz unabhängig von der Meinung der fachlichen Autoritäten.

Die tatsächliche wissenschaftliche Beweislage für die Zusammenhänge zwischen Haarwuchs und Nährstoffen in Nicht-Mangelsituationen ist aber sehr unzulänglich. Dass Dermatologen trotzdem oft solche Präparate empfehlen, liegt unter anderem auch an der Erwartungshaltung der Patienten: Den Rat, einfach erst einmal drei Monate abzuwarten, ob sich die Beschwerden nicht von selbst bessern, hören die wenigsten Arztbesucher so richtig gern.

Viele Nährstoffe bzw. Nahrungsergänzungsmittel haben mindestens ein Gutes: Sie können Ihnen nicht schaden – selbst wenn Sie deutlich mehr als die gemeinhin empfohlenen täglichen Mengen davon aufnehmen. Das gilt aber leider auch nicht für alle: In der medizinischen Fachliteratur gibt es mittlerweile etliche Berichte über Vergiftungen mit Selen[10] oder Vitaminen[11][12] – verursacht durch Selbstmedikation mit Nahrungsergänzungsmitteln. (Auch das ist allerdings nach wie vor kein häufiges Szenario.) Trotzdem gilt: Die Wirkung der meisten Nährstoffe auf den Organismus lässt sich nach heutigen Erkenntnissen mit einer U-förmigen Kurve beschreiben. Zu viel kann ebenso schaden wie zu wenig, und viel zu viel ist ebenso eindeutig schlecht wie viel zu wenig.[13]

Im Folgenden fassen wir die vorhandenen Informationen zu den wichtigsten, typischerweise im Zusammenhang mit Haarverlusten genannten Nährstoffen zusammen.

Eisen

Bereits seit Jahrzehnten beschäftigen sich zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen mit der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen leichtem Eisenmangel und Haarausfall gibt – ohne sie bislang eindeutig beantworten zu können.

So ermittelte eine europäische Studie aus dem Jahr 2007 den Eisenstatus von 5110 Frauen, von denen 9 % nach eigenen Angaben an ausgeprägtem chronischem Haarausfall litten. Von diesen 9 % wiesen 59 % einen Eisenmangel auf – aber auch 48 % der Frauen ohne Haarausfall-Problem hatten nicht genug Eisen im Blut. Die Studie wertet das als Hinweis auf ein etwas erhöhtes Risiko von Haarausfall bei Eisenmangel – auch wenn die Zahlen mit einiger Berechtigung auch als Beleg gelesen werden können, dass Haarausfall mit und ohne Eisenmangel auftreten oder ausbleiben kann.[14] Genau zu diesem Schluss kommen denn auch etliche andere Studien.[15][16][17] Kurz: Die Frage, ob Eisenmangel – jenseits ausgesprochener Mangelzustände mit deutlichen körperlichen Symptomen (Eisenmangelanämie) – das Risiko für Haarausfall erhöht, ist immer noch nicht entschieden.[18] Die Datenlage erlaubt aber immerhin die Aussage, dass Eisenmangel mit Sicherheit kein entscheidender Faktor sein kann.

Eisen gehört bei Frauen zu den am häufigsten ärztlich verordneten Supplementen. Männer neigen dagegen nicht zu Eisenmangel. Der Nutzen einer Eisensupplementierung ist auf Mangelzustände beschränkt, ein Überangebot von Eisen wird nicht aus dem Darm ins Blut aufgenommen, und zu viel Eisen ist für den Körper sogar ein Problem. Sind die Regulationsmechanismen der Eisenaufnahme gestört, kann es bei unnötiger Eisensupplementierung zu einem Eisenüberschuss (Hämochromatose) kommen. Betroffene leiden an einem Symptomkomplex, zu dem Herzrhythmusstörungen, Leberschäden, Hautveränderungen, Diabetes, Gelenkentzündungen und psychische Symptome gehören. Besonders Fleisch essenden Männern empfehlen Fachleute daher eher den Verzicht auf eine unkritische Eisensupplementierung.

Zink

Ein echter Zinkmangel ist in den westlichen Ländern selten – auch wenn sich das häufig etwas anders liest, wenn Zink in den Medien thematisiert wird. Selbst eine nach anderen Maßstäben ungesunde Ernährung enthält gewöhnlich noch genügend Zink. Das Mineral ist in Fleisch und Eiern, aber auch in diversen Gemüsen und Getreide in so ausreichender Menge enthalten, dass weder Gemüsemuffel noch Veganer Zinkmangel fürchten müssen.

Echter Zinkmangel (zum Beispiel aufgrund von angeborenen oder krankheitsbedingten Störungen der Zinkaufnahme durch den Körper) verursacht allerdings tatsächlich Haarausfall und eine Reihe anderer deutlicher Hautsymptome. Wird der Mangel behoben, geht es auch dem Haar wieder besser.[19][20] Nur – wie gesagt – die überwiegende Mehrheit der Menschen in den entwickelten Ländern leidet nicht unter Zinkmangel.

Trotzdem verordnen Dermatologen bei Haarausfall sehr häufig die Supplementierung mit Zink. Das soll weniger einen angenommenen Mangel ausgleichen als eine zusätzliche förderliche Wirkung auf die Gesundheit der Haarfollikel ausüben. Denkbar ist eine solche positive Wirkung durchaus, wissenschaftliche Evidenz in Form von Studien gibt es dafür aber nicht.

Selen

Selen ist ein essentielles Spurenmineral, das unter anderem in der Schilddrüse und bei der Entwicklung der Haarfollikel eine Rolle spielt. Ausgeprägter Selenmangel kann sich also direkt oder indirekt (über die hormonellen Folgen einer Schilddrüsenfehlfunktion) auf den Haarwuchs auswirken. Allerdings tritt ein solcher ausgeprägter Mangel fast nur in Ländern mit besonders selenarmen langwirtschaftlichen Böden auf und spielt zumindest aktuell jenseits des in Südwestchina gelegenen sogenannten Selenmangelgürtels keine große Rolle. In Mitteleuropa ist Selenmangel selten und überwiegend mit raren Störungen der Selenaufnahme, schweren Erkrankungen und sehr einseitiger Ernährung bei Essstörungen, Alkoholismus oder künstlicher Ernährung assoziiert. Zur Frage, inwieweit niedrige Selenspiegel an der Grenze zum Selenmangel für Haarverluste eine Rolle spielen bzw. ob Haarverluste durch Selensupplementierung rückgängig gemacht werden können, gibt es in der Fachliteratur nur vereinzelte Fallberichte, aber keinerlei systematische Studien.

Trotz des offensichtlichen Mangels an Forschungsarbeiten zum Thema ist Selen in vielen Supplementen enthalten, die den Haarwuchs verbessern sollen. Das ist nicht nur überraschend, sondern sogar ein wenig besorgniserregend: Es gibt tatsächlich in der Fachliteratur mehr Berichte über Selenvergiftungen (mit Nahrungsergänzungsmitteln – ein falsch formuliertes Supplement verursachte 2008 eine große Fallserie von Selenvergiftungen in den USA[21], oder durch erhöhten Verzehr selenreicher Paranüsse[22]) als Berichte über positive Wirkungen von Selensupplementen auf Alopezien. Ironisch daran: Selenvergiftungen führen unter anderem zu massivem Haarausfall.

Biotin (Vitamin B7)

Biotin – Vitamin B7 – gilt als das Schönheitsvitamin für Haar und Haut. Welchen Einfluss Biotin, das unter anderem als Coenzym am Abbau von Aminosäuren beteiligt ist, tatsächlich für die Haarfollikel und das Haarprotein Keratin spielt, ist nach wie vor unklar. Klar ist aber, dass ein ausgeprägter Biotinmangel im Körper in der Tat zu stumpfem, brüchigem Haar; Haarausfall und brüchigen Nägeln führt. Begleitet werden diese Erscheinungen typischerweise von einem schuppenden roten Hautausschlag um Augen, Nase und Mund. Ein echter Biotinmangel lässt sich durch Biotinsupplementierung ausgleichen; damit verschwinden auch die Haarprobleme.

Aber: Echter Biotinmangel ist ausgesprochen selten (wer täglich rohe Eier isst, sollte sich Sorgen machen: rohes Eiweiß enthält einen Stoff, der Biotin im Darm bindet und die Aufnahme ins Blut verhindert; auch Darmerkrankungen und Epilepsiemedikamente können einen Mangel verursachen). Eine zusätzliche Biotingabe bei normalem Biotinspiegel wird bis heute durch keine einzige wissenschaftliche Studie unterstützt (allerdings gibt es auch kaum solche Studien). Berichte über Effekte von Biotin auf das Haarwachstum sind daher bislang als rein anekdotisch zu werten.

In den 1980er Jahren wurde Biotin von Dermatologen bei Haarproblemen routinemäßig empfohlen. Ohne zulängliche Evidenz, wie Fachleute heute betonen. Aktuell wird der Wert der sehr verbreiteten Biotinsupplementierung stark angezweifelt, positive Wirkungen bei Haarausfall seien bei normalem Biotinstatus kaum zu erwarten.[23][24][25] Eine Gefahr geht von einer Supplementierung jedoch eben so wenig aus: Als wasserlösliches Vitamin wird überschüssiges Biotin einfach mit dem Urin ausgeschieden. Auch wenn Sie es in den Medien mitunter anders lesen: Biotin-Überdosierungen sind in der Fachliteratur nicht beschrieben.[26] Das Schlimmste, was bei Biotin-Supplementierung mit bis zum dreihundertfachen der empfohlenen täglichen Menge passieren kann ist, dass das Vitamin die Genauigkeit von biochemischen Labortests der Blutwerte (insbesondere beschrieben für Schilddrüsenhormone[27]) beeinträchtigt.

Niacin (Vitamin B3)

Auch Niacin – Vitamin B3 – wird häufig mit dem Haarwuchs in Verbindung gebracht. Das Vitamin hat universale Bedeutung im aufbauenden ebenso wie im abbauenden (Energie-) Stoffwechsel. Die Wahrnehmung von Niacin als Hautvitamin rührt aus dem Krankheitsbild der (in entwickelten Ländern nicht mehr zu befürchtenden) Vitaminmangelerkrankung Pellagra, die unter anderem auffällige Hautveränderungen verursacht.

In vielen Kombinationspräparaten, die gegen Haarausfall und für schönes Haar wirken sollen, ist Niacin enthalten. Wissenschaftliche Studien dazu, ob das sinnvoll ist, gibt es nicht.[28]

Vitamin A

Vitamin A ist ein besonderer Fall: Obschon nicht selten in Supplementen für Haut und Haar enthalten, ist aus der Fachliteratur tatsächlich gar nichts über einen Zusammenhang zwischen Vitamin-A-Mangel und Haarausfall bekannt.

Dagegen ist Haarausfall eines der bekannten Symptome der Vitamin A-Hypervitaminose, einer Vergiftung mit Vitamin A. Akute und chronische Vitamin A-Vergiftungen durch Supplemente werden in der Fachliteratur recht häufig beschrieben, da für dieses Vitamin die empfohlene tägliche Verzehrmenge und die potentiell bereits toxische Verzehrmenge sehr dicht zusammenliegen (riskante Dosen sind nur dreimal höher als der empfohlene Tagesbedarf!).[29] Vor Selbstmedikation mit Vitamin A-Supplementen ohne dokumentierten Vitamin A-Mangel muss daher gewarnt werden.

Vitamin E

Die Mitglieder der Vitamin E-Familie sind wirkungsvolle Antioxidantien. Vitamin-E-Mangel ist selten, aber das Vitamin wird auf dem Weg der Selbstmedikation häufig auch ohne festgestellten Mangel supplementiert – in der Hoffnung, damit Entzündungs- und Alterungsprozessen vorbeugen zu können. Insbesondere bei Hauterkrankungen gehört Vitamin E (oral als Supplement oder lokal in Form von Salben etc.) außerdem zum Standard-Behandlungsrepertoire der Dermatologie – allerdings auch hier ohne wirklich überzeugende Unterstützung durch wissenschaftliche Studien.[30]

Zur Frage, ob erhöhte Vitamin-E-Aufnahme Haarverluste positiv beeinflussen kann, existiert nur eine einzige Fachpublikation. In einer 2010 veröffentlichten kleinen Studie aus Malaysia konnten sich 21 Probanden mit Haarverlusten nach achtmonatiger Supplementierung mit täglich 100 Milligramm eines Vitamin E-Präparats im Schnitt über 34,5 % mehr Haare freuen, während die Kontrollgruppe 0,5 % weniger Haare aufwies als zu Beginn der Studie.[31] Warum diesen ermutigenden Ergebnissen nicht weitere Untersuchungen folgten, können wir Ihnen nicht sagen.

Wie die anderen fettlöslichen Vitamine kann allerdings auch Vitamin E überdosiert werden – wenn auch das Risiko weniger hoch ist als bei Vitamin A, da wünschenswerte und problematische Dosen deutlich weiter (> Faktor 50) auseinanderliegen. Vitamin-E-Hypervitaminose verringert unter anderem die Gerinnungsfähigkeit des Blutes, kann also zu inneren Blutungen führen. Eine sehr große Studie hat zudem darauf hingewiesen, dass Supplementierung mit täglich 400 IU Vitamin E (einer üblichen Vitamin-E-Dosis, die etwa dem 20-fachen der empfohlenen täglichen Mindestaufnahme entspricht) das Risiko, Prostata-Krebs zu entwickeln, erhöhen könnte.[32]

Aminosäuren / Protein

Aminosäuren sind die Bausteine, aus denen alle Proteine aufgebaut sind. Bindegewebe, Muskeln, Haar und Nägel bestehen aus Proteinen, darüber hinaus sind Proteine für den Stoffwechsel allein schon deshalb unverzichtbar, weil alle Enzyme Proteine sind. Viele Aminosäuren kann der Körper selbst synthetisieren – entweder aus ihren Grundbausteinen oder durch Umwandlung anderer Aminosäuren – aber es gibt auch eine ganze Reihe essentieller Aminosäuren, auf deren ausreichende Zufuhr mit der Nahrung wir angewiesen sind.

Das Haarprotein Keratin enthält einen relativ hohen Anteil essentieller Aminosäuren. Eine Ernährung, die den Aminosäurenbedarf des Körpers nicht deckt, wirkt sich daher natürlich auch auf das Haarwachstum aus. Diesbezügliche medizinische Erfahrungen wurden jedoch mit Patienten gemacht, die sich in schweren Mangelzuständen befanden, sei es aus Armut, wegen einer Essstörung oder durch gravierende Erkrankungen. Mediziner sind sich heute einig, dass ein Aminosäuremangel bei normaler (und nicht einmal notwendig besonders bewusster) Ernährung in den westlichen Ländern nicht auftritt. Lediglich Veganer, die nicht auf ausreichende Zufuhr möglichst diverser Pflanzenproteine (Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollkorngetreide) achten, sind in Gefahr, einen Mangel zu entwickeln.

Die Aminosäure L-Lysin steht mit recht gutem Grund stellvertretend für alle essentiellen Aminosäuren: Sie ist die seltenste. Wer als Veganer bewusst L-Lysin-reiche Lebensmittel wählt, bekommt eigentlich automatisch auch genug von den anderen unverzichtbaren Proteinbausteinen. Viel L-Lysin ist etwa in Soja, Seitan, Linsen, schwarzen Bohnen, Quinoa und Kürbiskernen enthalten.

Auch wenn kein Mangel besteht, wird nicht selten eine zusätzliche Supplementierung mit Aminosäuren bzw. Protein empfohlen. Ob das sinnvoll und erfolgversprechend ist, ist kaum erforscht. Es gibt lediglich einige zum Thema relevante Studien, die vom Hersteller eines proteinhaltigen Kombinationspräparats zur Förderung des Haarwuchses (Viviscal) finanziert wurden.

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren

Die essentiellen mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren) sind aktuell eins der “Lieblingskinder“ der Nahrungsergänzungsmittel-Branche. Sie werden vom Körper unter anderem als Bausteine der Zellmembranen sowie als Grundstoffe für die Produktion von Prostaglandinen benötigt. Prostaglandine sind universelle körpereigene Botenstoffe, die Entzündungsprozessen regulieren sowie unter anderem auch an der Steuerung des Zyklus' der Haarfollikel beteiligt sind. Darüber hinaus werden den Fettsäuren aus pflanzlichen Quellen und insbesondere aus Fischöl positive Wirkungen auf den Blutfettspiegel, Herz und Kreislauf sowie das Immunsystem nachgesagt – bei insgesamt eher durchwachsener Studienlage.

Zu den Symptomen schwerer Omega-Fettsäuren-Mangelzustände (die nur unter nicht-alltäglichen Bedingungen, etwa bei künstlicher Ernährung oder Störungen der Aufnahme dieser Stoffe beobachtet werden) gehört auch Haarausfall. Der Umkehrschluss, eine überreichliche Versorgung mit essentiellen Fettsäuren könnte gegen Haarausfall anderer Ursache helfen, ist, wie bei allen anderen Nährstoffen, nicht zwingend und bedarf sorgfältiger Untersuchung.

Aus Laboruntersuchungen ist bekannt, dass einige mehrfach ungesättigte Fettsäuren ähnlich wirken wie das Haarausfall-Medikament Finasterid: Sie hemmen das Enzym 5α-Reduktase, das Testosteron in Dihydrotestosteron umwandelt und als Hauptverantwortlicher für den androgenetischen Haarausfall gilt).[33] Zusammen mit der Rolle, die die essentiellen Fettsäuren als Ausgangsstoff für die Prostaglandinsynthese spielen, ergeben sich hier zwei Ansatzpunkte für einen möglichen Wirkmechanismus. Wie immer sollte man sich aber auch hier vor Simplifizierungen hüten: Ob eine Supplementierung tatsächlich so wirkt, wie man sich das vorstellt, und dabei frei von negativen Auswirkungen ist, kann nur in großen Anwendungsstudien festgestellt werden. Die es für mehrfach ungesättigte Fettsäuren, wie für die meisten anderen Nährstoffe, kaum gibt.

Es existiert lediglich eine Untersuchung zur Wirkung eines Kombinationspräparats mit Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren (das Produkt enthält Fischöl, Öl aus schwarzen Johannisbeersamen, Vitamin A, C und das Antioxidans Lycopin), die vom Hersteller des Präparats finanziert wurde. Sechsmonatige Anwendung bewirkte bei 79 Frauen, die an beginnender weiblicher androgenetischer Alopezie litten, eine Erhöhung der Haardichte, eine Verringerung des Anteils der Telogenhaare und eine subjektive Verbesserung der Haarausfall-Symptomatik.[34]

Eine einzelne, noch dazu kommerziell motivierte Studie ist kein ausreichender Beweis für die Wirksamkeit der Supplementierung mit essentiellen Fettsäuren bei Haarverlusten. Daher muss auch hier die für eine Supplementierung sprechende Evidenz strenggenommen als ungenügend bezeichnet werden.

Fazit

Gewöhnlich ist der Ausgleich eines diagnostizierten Nährstoffmangels leicht zu bewerkstelligen (meist über Supplementierung mit einem geeigneten Nahrungsergänzungsmittel, mitunter auch durch Injektionen) – und wenn dadurch auch ein vorhandenes Haarproblem verschwindet: umso besser.

Aus diesem Grund verschreiben manche Dermatologen bei Alopezien und Effluvium auch ohne vorherige Diagnostik Eisen, Zink und/oder Biotin: Es ist eine einfache Maßnahme, die eventuell helfen könnte. Sehr groß dürfte die Wahrscheinlichkeit, allein damit schon erfolgreich zu sein, angesichts des generell guten Ernährungszustandes von Mitteleuropäern allerdings nicht sein. Wäre die Kur so simpel, wären Probleme mit Haarverlusten wohl kaum so verbreitet und hartnäckig

Potentiell etwas problematischer wird es, wenn die Supplementierung auf dem Weg der Selbstmedikation erfolgt. Dabei kann es zu Wechselwirkungen mit eingenommenen Medikamenten kommen, und bei einigen Nährstoffen kann man durchaus auch zu viel des Guten tun. Zu diesen gehören Eisen, Selen und die Vitamine A und E (Details finden Sie in den einzelnen Abschnitten). Der Umstand, dass Nahrungsergänzungsmittel frei verkäuflich sind, sollte Sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sie sich durch unkritische Supplementierung durchaus Schaden zufügen können. Lassen Sie sich daher stets von Ihrem Hausarzt oder Dermatologen beraten und halten sie sich an die empfohlenen Dosierungen!

Überdramatisieren muss man die Vitaminpillen aber auch nicht – negative Auswirkungen der Einnahme von Nährstoffpräparaten sind selten. Dennoch wird die Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen ohne vorliegenden Mangelzustand von neutralen Fachleuten meist als überflüssig betrachtet und relativ kritisch gesehen.[35] Wenn unnötige Geldausgaben für Sie kein Problem darstellen, ist das Experimentieren mit Supplementen (mit ärztlicher Begleitung!) aber weitestgehend ungefährlich und, wer weiß, in Ihrem speziellen Fall vielleicht sogar förderlich. Wenn Sie das Geld nicht haben: Machen Sie sich keine Sorgen, eine gesunde und vielseitige Ernährung gilt den meisten Experten ohnehin als die bessere Strategie.

(1) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4606321/

(2) books.google.de/books

(3) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10798824

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(5) www.medicaljournals.se/acta/content/abstract/10.2340/00015555-2520

(6) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4908443/

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(8) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20877029

(9) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5315033/

(10) www.tandfonline.com/doi/full/10.3109/15563650.2011.641560

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(12) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4452429/

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(15) www.karger.com/Article/FullText/118505

(16) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20947203

(17) www.jaad.org/article/S0190-9622(11)00246-5/fulltext

(18) www.jaad.org/article/S0190-9622(05)03342-6/fulltext

(19) onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1529-8019.2012.01443.x

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(21) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3225252/

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(23) www.karger.com/Article/FullText/462981

(24) jddonline.com/articles/dermatology/S1545961617P0496X

(25) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4989391/

(26) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4757853/

(27) journals.aace.com/doi/10.4158/EP171761.RA

(28) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5315033/

(29) academic.oup.com/ajcn/article/83/2/191/4649798

(30) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4976416/

(31) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3819075/

(32) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4169010/

(33) www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1132824/

(34) www.semanticscholar.org/paper/Effect-of-a-nutritional-supplement-on-hair-loss-in-Floc'h-Cheniti/ea58ee0c6bc0d3cbbdb287863cb2f40b83c6d39c

(35) link.springer.com/article/10.1007/s00103-017-2526-9

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