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6. Haartransplantationen FUE & FUT

Bei einer Haartransplantation (Haarverpflanzung) werden Hautstückchen, sogenannte Grafts, die einen oder mehrere Haarfollikel enthalten, von einer Körperpartie mit gesunder Behaarung auf eine haarlose oder unerwünscht spärlich behaarte Stelle, im allgemeinen im Bereich der Kopfbehaarung, manchmal auch in der Region von Augenbrauen oder Bart, transplantiert. Die verpflanzten Follikel wachsen am neuen Ort an und produzieren dort weiterhin Haar.

Haartransplantationen haben bei androgenetischer Alopezie <LINK>, bei Haarverlusten infolge von vernarbten Verletzungen der Haut sowie bei einigen Formen von vernarbender Alopezie (sofern die Haut zuverlässig entzündungsfrei ist) eine gute Chance auf Erfolg.

Haartransplantationen werden immer mit eigenem Haar durchgeführt, Spender-Transplantate haben kaum Erfolgschancen. Dadurch ergibt sich eine wichtige Limitation des Verfahrens: Sofern nur mit Kopfhaar gearbeitet wird, lässt sich mit der Verpflanzung von einer Stelle zur anderen die Anzahl der Haare insgesamt natürlich nicht vergrößern. Je größer die gelichteten Areale werden, desto schwieriger wird es, durch Umverteilung des Haares einen ästhetisch befriedigenden Eindruck zu erzielen.

Inhalt

6.1 Donor-Dominanz
6.2 Methoden der Haartransplantation

6.3 Allgemeiner Ablauf einer Haartransplantation

6.4 Risiken, Nebenwirkungen und Komplikationen von Haartransplantationen
6.5 Haartransplantationen vorausschauend planen
6.6 Haartransplantationsmathematik

Quellenangaben

6.1 Donor-Dominanz

Ausschlaggebend für den Erfolg von Haartransplantationen ist das Prinzip der sogenannten Donor-Dominanz: Die verpflanzten Follikel behalten auch am neuen Ort die meisten ihrer Eigenschaften. Grundsätzlich gilt: Wenn das Haar in der Donorregion (der Region, aus der die Follikel entnommen werden) die in der Empfängerregion (der Region, in die sie verpflanzt werden sollen) erwünschten Eigenschaften hat, ist es prinzipiell ein guter Kandidat für eine Transplantation. Einige ausländische Transplantationskliniken werden hier durchaus kreativ...[1][2]

Donor-Dominanz bildet die Basis für den Erfolg von Haarverpflanzungen bei androgenetischer Alopezie – Follikel, die aus Donorregionen entnommen werden, deren Haarwuchs nicht vom Androgenen gehemmt wird (im Allgemeinen vom Hinterkopf), bleiben auch androgenunempfindlich, wenn sie in eine Region mit androgensensitiven Follikeln verpflanzt werden. Donor-Dominanz bedeutet ebenso, dass zum Beispiel zur Wiederherstellung oder Verdickung der Augenbrauen transplantierte Kopfhaare ihre Wachstumseigenschaften behalten und regelmäßig gekürzt werden müssen.

6.2 Methoden der Haartransplantation

Eine Haartransplantation ist ein minimal invasiver chirurgischer Eingriff, der unter Lokalanästhesie durchgeführt wird. Es gibt verschiedene Methoden der Haarverpflanzung, von denen heute aber nur zwei (FUT und FUE) eine wichtige Rolle spielen.

6.2.1 Der Punch-Graft nach Okuda und Orentreich

Die ersten in den 1930er Jahren von Okuda und später von Orentreich durchgeführten Haartransplantationen nutzten relativ große Punch-Grafts, für die sich die etwas despektierliche Bezeichnung Hair Plugs ("Haarstöpsel") entwickelte. Die Methode blieb bis in 1980er Jahre das bevorzugte Transplantationsverfahren. Mit einer Biopsiestanze (das ist im einfachsten Fall ein Hohlzylinder aus chirurgischem Stahl mit geschliffenem, schneidfähigem Rand) wurden der Donor-Region kreisrunde Hautstücke von um die 4 Millimeter Durchmesser entnommen und im Ganzen in die Akzeptorregion verpflanzt.

Die Ergebnisse ließen in ästhetischer Hinsicht noch deutlich zu wünschen übrig: Aus den regelmäßig aufgereihten transplantierten Plugs spross das Haar in Büscheln, die ein recht unnatürliches, an Puppenhaar erinnerndes Haarbild ergaben. Zudem entstanden in der Donorregion durch die Entnahme der Plugs zahlreiche relativ auffällige kreisrunde Narben.

"Erbe" des Punch-Grafts ist die moderne FUE-Methode (Follicular Unit Extraction – Entnahme follikulärer Einheiten): Die dabei entnommenen follikulären Einheiten sind winzige Punch-Grafts mit Durchmessern von 0,6 bis 1 Millimeter.

6.2.2 Strip-Graft (Streifenentnahme) plus Transplantation von Mini-/Micrografts

In den 1990er Jahren setzte sich der Strip-Graft durch: Anstelle vieler kleiner Punch-Grafts wird hierfür ein zehn bis fünfzehn, in Einzelfällen auch zwanzig Millimeter breiter und je nach Haarbedarf zehn bis zwanzig Zentimeter langer behaarter Hautstreifen vom Hinterkopf entnommen. Bei größerem Haarbedarf kann sich dieser Streifen von einer Schläfe zur anderen ziehen. Der entnommene Streifen wird in kleinere runde (Punch-Grafts) oder längliche (Slit- und Slot-Grafts) Stückchen – die sogenannten Mini- oder Micrografts – zerteilt und eingepflanzt. Mini- und Micrografts enthalten drei bis zehn beziehungsweise ein bis zwei follikuläre Einheiten. Sie werden mit Hilfe eines Skalpells und einer Lupenbrille, wie sie auch Uhrmacher und Juweliere nutzen, präpariert. Die mit der Lupenbrille erreichbare Vergrößerung ermöglicht diese bereits recht feine Zerlegung des Donorstreifens. Statt vieler kleiner Wunden ist nun im Donorbereich lediglich eine lange, schmale Wunde zu versorgen, die allerdings vernäht oder geklammert werden muss und eine lange, auf dem rasierten Kopf deutlich sichtbare Narbe hinterlässt.

Die Technik der Mini-/Micrografts ist jedoch nicht leistungsfähig genug, um die Zerstörung von Follikeln durch Zerschneiden mit dem Skalpell sicher zu verhindern. Infolgedessen gehen relativ viele Follikel aus dem Donorstreifen verloren, und die Follikel der einzelnen Transplantate sind von einem relativ breiten Rand haarloser Haut umgeben. Dadurch kann das Erscheinungsbild des transplantierten Haars an ähnlichen, wenn auch weniger ausgeprägten Mängeln leiden wie bei den mit der Punch-Graft-Methode vorgenommenen Verpflanzungen.

Insbesondere für Areale mit hohen Anforderungen an ein natürliches Erscheinungsbild sind Mini-/Micrografts daher heute entschieden suboptimal. Bei einer Haartransplantation, die im Interesse eines optimalen Resultats alle Möglichkeiten der modernen Transplantationstechnik voll ausschöpft, wird diese Methode jedoch unter Umständen eine wichtige unterstützende Rolle spielen. In optisch weniger exponierten Bereichen können Minigrafts durchaus voll befriedigende Ergebnisse erzielen: Da sie mehrere Follikel enthalten, lassen sich mit ihnen unkomplizierter höhere Haardichten schaffen als mit follikulären Einheiten.

Der direkte Erbe der Mini-/Micro-Graft-Methode ist die moderne FUT-Technik.

6.2.3 Die FUT-Technik: Strip-Graft plus Transplantation follikulärer Einheiten

FUT steht für Follicular Unit Transplantation, eine in den 1990er Jahren eingeführte Technik. Wie bei der Mini-/Micrograft-Methode wird auch hier ein meist 10 bis 15 Millimeter breiter Donorstreifen vom Hinterkopf entnommen und in viele kleine Transplantate zergliedert. Die beiden Methoden unterscheiden sich nur in einem, allerdings sehr wichtigen, Detail: Die Präparation der einzelnen Transplantate erfolgt nicht mit der Lupenbrille, sondern unter einem Stereomikroskop. Präpariert werden so einzelne follikuläre Einheiten – also Gruppen von meist zwei bis vier anatomisch zusammengehörigen Terminalhaarfollikeln.

Die Arbeit unter dem stark vergrößernden Mikroskop erlaubt die schonendere Präparierung und damit die Erhöhung der Ausbeute intakter Follikel um etwa 30 Prozent. Zudem kann auch jedes einzelne Transplantat viel sauberer vorbereitet werden; überschüssiges Gewebe wird sorgfältig entfernt, und die letztlich verpflanzten follikulären Einheiten sind in nicht mehr als das unbedingt erforderliche Minimum von Hautgewebe eingebettet. Damit muss zum Einbringen eines FU-Transplantats nur ein winziger Einschnitt in die Kopfhaut gemacht werden. Das bedeutet, dass die follikulären Einheiten relativ dicht aneinandergesetzt werden können, ohne den Heilungsprozess zu gefährden.

Bis in die Nullerjahre (2000-2009) war FUT der Goldstandard in der Haartransplantationschirurgie. Auch heute werden vermutlich noch über die Hälfte aller Haartransplantationen mit der FUT-Methode durchgeführt – aber die nach der Jahrtausendwende neu eingeführte FUE-Technik macht dem etablierten Verfahren mittlerweile deutlich Konkurrenz.

FUT-Technik bei mehrfacher Anwendung: Nach wie vor nur eine Narbe!

Haarverluste schreiten meist voran, und nicht selten wird nach einigen Jahren eine zweite Transplantationsrunde notwendig. Wird diese ebenfalls mit der FUT- oder Mini-/Micrograft-Methode durchgeführt, wird der neue Donorstreifen so entnommen, dass er die alte Narbe einschließt. Das heißt, unabhängig davon, ob Sie eine, zwei oder drei Prozeduren durchführen lassen (so oft lässt sich FUT im Schnitt wiederholen): Sie haben nach wie vor nur eine – wenn auch tendenziell immer längere und breitere – Narbe.

Vor- und Nachteile der FUT-Technik

Plus:

  • Vom heutigen Standpunkt aus liefert die FUT-Technik für die Akzeptorregion optimale Ergebnisse: Das Einbringen follikulärer Einheiten erzielt – bei entsprechender Erfahrung des Operateurs – ein bestmöglich natürliches Haarbild.
  • Die mikroskopische Präparation der follikulären Einheiten aus dem vom Hinterkopf entnommenen Donorstreifen schafft zudem beste Voraussetzungen für schonendes Arbeiten und eine hohe Ausbeute intakter, überlebensfähiger Transplantate.

Minus:

  • Potentiell problematisch ist das Verfahren für die Donor-Region: Hier kann, je nach Abmessungen des entnommenen Hautstreifens, eine mehr oder weniger breite, lange – eventuell von Ohr zu Ohr reichende – und damit sehr auffällige Narbe zurückbleiben. Die Breite der Narbe steigt überproportional mit der Breite des entnommenen Hautstreifens: Während Sie bei einem zehn Millimeter breiten Streifen im Regelfall mit einer im Durchschnitt nur um die dreieinhalb Millimeter breiten Narbe rechnen müssen, ergibt sich bei einem fünfzehn Millimeter breiten Streifen bereits eine um die achteinhalb Millimeter breite Narbe.[3] Verantwortlich für diesen Effekt ist die wachsende Spannung der über der Wunde zusammengezogenen Wundränder bei zunehmender Wundbreite. Je straffer die Kopfhaut, desto kritischer die Narbenbildung – daher haben insbesondere junge Männer potentiell ein Problem mit größeren Narben. Einige Kliniken führen bei sehr straffer Kopfhaut gar keine FUT-Prozeduren durch.

Tatsächlich ist es möglich, die Spannung der Kopfhaut zu messen.[4] So kann Ihr Chirurg eine gut informierte Entscheidung hinsichtlich der bei Ihnen ratsamen maximalen Breite des Donorstreifens treffen.

Wenn Sie Ihr Haar später sehr kurz oder gar rasiert tragen und kein Aufsehen erregen möchten, bleibt Ihnen nur übrig, die Narbe entweder in einer zusätzlichen FUE-Prozedur mit Haar bepflanzen zu lassen oder mit Micro-Haarpigmentierung zu kaschieren. Beides bedeutet eine erhebliche Mehrausgabe.

Doppellagiger und trichophytischer Wundverschluss zur Verbesserung des Erscheinungsbildes der Narbe nach FUT- oder Mini-/Micrograft-Prozeduren

Um die Chancen für eine relativ unauffällige Narbe in der Donorregion zu erhöhen, praktizieren viele Chirurgen bei breiteren Wunden den doppellagigen Wundverschluss, um die Hautspannung zu reduzieren: Die Wundränder doppelt zusammengenäht: zunächst in der unteren Hautregion und dann an der Hautoberfläche.[5]

Durch Anwendung einer weiteren speziellen Technik für den Wundverschluss lässt sich das Erscheinungsbild der Narbe noch einmal wesentlich verbessern. Diese Technik nennt sich “trichophytic closure“ – trichophytische Verschlusstechnik. Ihr großes Plus: Es entstehen Narben, auf denen Haare wachsen. Die Narbe ist im Regelfall kaum kleiner als beim Standard- Wundverschluss, und das Hautbild ist ebenso wie bei der Standardmethode auf die für Narbengewebe typische Weise verändert (weniger Pigment als die umgebende Haut, leicht eingesunken oder wulstig). Aber: Diese ästhetischen Probleme werden durch direkt aus der Narbe wachsendes Haar vorteilhaft kaschiert.

Um Haarwachstum auf der Narbe zu ermöglichen, werden die Ränder der nach der Entnahme des Donorstreifens zurückbleibenden Wunde auf eine spezielle Weise überlappend miteinander vernäht und nicht nur, wie bei der herkömmlichen Technik, dicht zusammengezogen und aneinandergenäht bzw. -geklammert. Konkret wird von einem der beiden Wundränder die oberste Hautschicht auf der gesamten Länge in einer Breite von etwa einem Millimeter schräg angeschnitten, wobei die dort befindlichen Follikel oberflächlich verletzt, aber nicht zerstört werden. Nun werden die Ränder zusammengezogen und etwa einen Millimeter überlappend miteinander vernäht, so dass sich der angeschnittene Wundrand unter dem anderen Wundrand befindet. Die verletzten Follikel regenerieren sich und wachsen durch das sich zum Wundverschluss bildende Narbengewebe hindurch. Nach einigen Monaten produzieren sie wieder Haar, das die Narbe bedeckt.[6]

Ein kleines potentielles Manko der trichophytischen Verschlusstechnik ist, dass die aus der Narbe wachsenden Haare mitunter eine auffällig vom benachbarten Haar abweichende Wuchsrichtung haben.

Das Verfahren kann auch zur Korrektur bereits vorhandener, nicht zu breiter FUT-Narben genutzt werden: Dann wird das alte Narbengewebe entnommen, und die neu entstandenen Wundränder werden mit der trichophytischen Technik miteinander vernäht.

6.2.4 Die FUE-Technik

FUE steht für Follicular Unit Extraction. Das bereits 1989 von dem Australier Ray Woods entwickelte Verfahren begann sich nach der Jahrtausendwende auch in Amerika durchzusetzen. 2002 erschien die erste wissenschaftliche Veröffentlichung zum Thema[7], und heute gilt das Verfahren vielen Fachleuten als das Beste, was die Haartransplantationsmedizin anzubieten hat.

Transplantationsinteressenten sollten aber wissen: FUE unterscheidet sich von FUT nur in einem Punkt, nämlich hinsichtlich der Methode der Transplantatgewinnung. Anstelle eines langen Streifens behaarter Kopfhaut werden hier mit einer winzigen Hohlnadel-Stanze von nur 0,6 bis 1 Millimeter Durchmesser (heute meist ein motorisiertes, eventuell auch computergesteuertes Gerät) einzelne follikuläre Einheiten<LINK> entnommen. Diese werden eventuell noch unter Lupen- oder Mikroskopvergrößerung feinpräpariert und dann auf ganz genau die gleiche Weise in die Empfängerregion eingepflanzt wie die follikulären Einheiten bei der FUT-Methode.

(Strenggenommen, so sehen wir jetzt, ist FUT (Follicular Unit Transplantation) eine wenig charakteristische Bezeichnung: follikuläre Einheiten werden ja auch beim FUE-Verfahren transplantiert. Daher wurde vorgeschlagen, den Namen FUT durch die Bezeichnung FUSS (Follicular Unit Strip Surgery) zu ersetzen – aber diese Abkürzung, obschon wesentlich akkurater, konnte sich bislang nicht wirklich durchsetzen.)

Roboter-assistierte FUE-Technik (ARTAS, Neograft)

Die FUE-Technik ist sehr zeitaufwändig: Um die tausend, oft sogar mehrere tausend Grafts müssen in einem mehrstündigen Arbeitsgang einzeln gesucht, beurteilt, manuell aus der Kopfhaut herausgestanzt und behutsam entnommen werden.

Roboter, die diese Tätigkeit zumindest anteilig übernehmen, können die Dauer von Haartransplantationsprozeduren wesentlich verkürzen, dem Personal einer Transplantationsklinik viel monotone Arbeit abnehmen und so auch für die Patienten Zeit sparen.

Der seit 2011 in den USA und seit 2012 in Europa zugelassene ARTAS-Roboter scannt die Kopfhaut nach geeigneten follikulären Einheiten und führt mit einem hochspezialisierten Werkzeug automatisierte Stanz- und Drehbewegungen aus, die die follikulären Einheiten lockern, aber in der Kopfhaut belassen, von wo sie im Anschluss von Assistenten mit einer Pinzette behutsam manuell “geerntet“ und in die Aufbewahrungslösung überführt werden. Wichtig zu wissen: Ebenso wie die finale Entnahme der Grafts wird auch die Implantation weiterhin komplett per Hand durchgeführt. Hier gibt es für die manuelle Geschicklichkeit und Expertise erfahrener Chirurgen und Fachassistenten noch keine Alternative.

ARTAS kann bislang nur für glattes braunes oder schwarzes Haar eingesetzt werden.

Ist die roboter-assistierte Graft-Entnahme besser als die manuelle?

Die Erwartung, Roboter seien in dem, was sie tun, besser als menschliche Fachleute, wird häufig geweckt – ist aber im Regelfall nicht begründet. Behauptungen wie die, dass ARTAS besonders begabt im Heraussuchen der besten follikulären Einheiten sei oder gar Verletzungen der Follikel beim Herausstanzen völlig ausschließen könne, sind fragwürdig: Beim Heraussuchen der besten Transplantationskandidaten ist ARTAS ungefähr so begabt wie die Menschen, die ihn programmiert haben – minus die menschliche Fähigkeit, auch unklare und untypische Situationen clever zu beurteilen, die einem Roboter natürlich fehlt. Die Technik, mit der ARTAS Grafts aus der Haut stanzt, ist standardisiert und damit zwar gefeit gegen Ermüdung und andere Ursachen menschlichen Versagens, aber unflexibel und unfähig, auf individuelle Variationen in der Beschaffenheit von Haut und Haaren einzugehen.

Vergleichende Untersuchungen, die die Ergebnisse von roboter-assistierten und rein manuellen FUE-Transplantationen direkt gegenüberstellen, gibt es in der Fachliteratur noch nicht – insofern sind über die Qualität der roboterassistierten Graft-Entnahme eigentlich noch gar keine Aussagen möglich. Vorhandene Studien sind in dem Sinne positiv, dass sie ARTAS bescheinigen, seinen Job prinzipiell vergleichbar gut erledigen zu können wie menschliche Fachleute.

Eine Studie von 2014 untersuchte die Ausbeute follikulärer Einheiten mit dem ARTAS-Roboter: Über 5 % der durch den Roboter herausgestanzten Grafts enthielten überhaupt keine brauchbaren Follikel.[8] Eine koreanische Studie kommt zu einem sehr ähnlichen Ergebnis: Zusätzlich zu den 5 % unbrauchbarer Grafts waren weitere knapp 5 % der von ARTAS gestanzten Grafts beschädigt: Sie enthielten angeschnittene Follikel, die vermutlich nicht überleben würden. Zwei weitere Studien aus Japan und den USA meldeten knapp 6 % bzw. 8 % beschädigter Follikel.[9] Diese Fehlerraten entsprechen in etwa denen, die in einer koreanischen Untersuchung zu Verletzungen der Follikel bei manueller Graft-Entnahme gefunden wurden: hier waren 6,3 % der Follikel durchschnitten. Zusätzlich wurden allerdings noch weitere Verletzungsarten aufgeschlüsselt, von denen unklar ist, ob sie in den ARTAS-Studien auch diagnostiziert wurden.[10]

Fazit: Die Qualität einer roboter-assistierten Haartransplantation wird nach wie vor überwiegend durch die Fähigkeiten des chirurgischen Teams bestimmt. Der Roboter ist lediglich eine Maschine, die dem OP-Team die monotone Tätigkeit der Graft-Entnahme teilweise abnimmt. Diese Aufgabe führt er wahrscheinlich in ähnlicher Qualität wie ein leidlich erfahrener Fachassistent aus. Der Vorteil für den Patienten liegt in der Zeitersparnis. Kostenersparnis, wenn auch theoretisch naheliegend, bringt die Methode Patienten aktuell kaum, da die Anschaffung des Roboters für die Kliniken sehr teuer ist.

Körper- zu Kopfhaartransplantate mit der FUE-Technik

Die Transplantation von Körperhaar (Barthaar, Brusthaar, Achselhaar, Schamhaar) auf die Kopfhaut wird von einigen Fachleuten als inakzeptabel angesehen. Wenn infolge fortgeschrittener Alopezie und multipler Transplantationen auf dem Kopf nicht mehr genügend Donorhaar zur Verfügung steht, ist das Ausweichen auf Körperhaar jedoch eine letzte Möglichkeit, frühere Transplantationen zu ergänzen und der gefürchteten Haarlosigkeit zu begegnen.

Körperhaar hat meist eine deutlich andere Dicke als Kopfhaar, wächst bekanntlich auch bei Personen mit glattem Haar eher lockig, und hat wesentlich kürzere Wachstumszyklen. Für die Transplantation an exponierte Stellen wie den Haaransatz ist es daher kaum geeignet, kann jedoch in ästhetisch weniger kritischen Regionen allein oder in Kombination mit Kopfhaartransplantaten mehr Haardichte zu schaffen.

Körperhaar wird ausschließlich mit der FUE-Methode transplantiert. In der Fachliteratur finden sich zahlreiche Berichte über gelungene Körperhaartransplantationen.[11]

Vor- und Nachteile der FUE-Technik

Plus:

  • FUE hat gegenüber FUT den aus Patientensicht sehr wichtigen Vorteil, dass keine auffällige, lange Narbe entsteht. Natürlich resultieren auch hier Narben (und zwar zahlreiche) – aber sie sind sehr klein und fallen selbst bei relativ kurzem Haar in der Regel kaum auf. Auch die Heilung der kleinen Wunden in der Donorregion geht schneller vonstatten als bei FUT, Schmerzen sind kaum zu befürchten.
  • Ein weiteres großes Plus der Methode ist, dass FUE auch Reserven von Donorhaar mobilisieren kann, die per FUT nicht erreichbar sind. Neben Körperhaar sind das insbesondere auch androgenunempfindliche Haare in der Region der Schläfen und der Koteletten.

Minus:

  • Auf dem Gebiet der Transplantatpräparation ist FUE dagegen kein Fortschritt, sondern sogar ein kleiner Rückschritt: Die Entnahme der follikulären Einheiten erfolgt hier praktisch “blind“, da die Follikel in der Haut sitzen und nicht wie bei FUT in ihrer ganzen Länge unter dem Mikroskop visualisiert werden können. So ist das Risiko, Follikel zu beschädigen, deutlich größer als bei der FUT-Technik, und entsprechend kleiner ist tendenziell der Anteil der überlebenden Transplantate.[12]
  • Die Entnahme der Grafts dauert lange, das heißt, Sie müssen mehrere zusätzliche Stunden lang stillsitzen oder liegen.
  • Prinzipiell können mit der FUE-Methode in einer Transplantationssitzung weniger follikuläre Einheiten entnommen werden als mit FUT – zwischen den entnommenen Transplantaten müssen hinreichend große Abstände eingehalten werden, um ein unproblematisches Abheilen der Wunden zu gewährleisten und eine akzeptable Haardichte im Donorbereich zu erhalten. Das heißt, das mit FUE auch bei optimalem Verlauf, also Überleben jedes einzelnen Transplantats, weniger Haar transplantiert werden kann als mit FUT. Als Richtwert gelten hier maximal 1500 bis 2000 follikuläre Einheiten[13], während mit FUT bei guter Dichte in der Donor-Region über 3000 follikuläre Einheiten gewonnen werden können.[14]

6.2.5 Vor- und Nachteile der Transplantation follikulärer Einheiten gegenüber Minigrafts

Bei der FUE- wie bei der FUT-Methode werden follikuläre Einheiten implantiert – was die Ergebnisse für die Empfängerregion angeht, sind beide Methoden daher weitgehend gleichwertig.

Minigrafts werden mit einer etwas größeren Hohlnadel entnommen als FUE-Grafts. Sie sind entsprechend größer und enthalten mehrere follikuläre Einheiten pro Graft.

Vorteile der Implantation follikulärer Einheiten:
Während Minigrafts mehr oder weniger nur senkrecht in die Kopfhaut gesetzt werden können, lassen sich die winzigen follikulären Einheiten auch schräg implantieren. So kann auf unterschiedliche Wuchsrichtungen des Haars in verschiedenen Regionen des Kopfes Rücksicht genommen werden, und es entsteht ein sehr natürlich wirkendes Haarbild.

Nachteile der Implantation follikulärer Einheiten:
Mit der Implantation follikulärer Einheiten lassen sich nur Haardichten erzeugen, die relativ deutlich unter den natürlichen Haardichten liegen. Realistisch sind 20 bis 25 pro Quadratzentimeter[15] – verglichen mit natürlichen Haardichten von bis 100 pro Quadratzentimeter. Zwar ist mitunter von transplantierten Dichten von bis zu 50 pro Quadratzentimeter die Rede – bei so dicht transplantierten follikulären Einheiten ist jedoch mit dem Verlust eines erhöhten Prozentsatzes von Follikeln zu rechnen. Wenn von 50 transplantierten Follikeln 40 überleben, erscheint das zwar auf den ersten Blick als ein erfreuliches Ergebnis – jedoch sind 10 gesunde Donorfollikel verloren gegangen. Bei wiederholten Haartransplantationen ist dann der Punkt, an dem kein Donorhaar mehr zur Verfügung steht, um so früher erreicht.

Vorteile von Minigrafts:
Minigrafts können hinsichtlich der erreichbaren Haardichte etwas mehr leisten als follikuläre Einheiten.

Eine unorthodoxe Kombination beider Methoden kann manchmal die beste Lösung sein (praktisch muss bei der Graft-Entnahme dabei lediglich mit Hohlnadeln unterschiedlichen Durchmessers gearbeitet werden). Wenn die Zwischenräume zwischen Minigrafts mit follikulären Einheiten bepflanzt werden, lässt sich ein besonders überzeugendes Haarbild erreichen und Donorhaardichte konservieren. Für ästhetisch besonders sensible Bereiche werden erfahrene Chirurgen daher auch die Kombination von Minigrafts und follikulären Einheiten in Erwägung ziehen.

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